Dissertationsprojekt von Wanja Kirchhoff
Das geplante Dissertationsprojekt fragt nach dem Zusammenhang geistiger und geschlechtlicher Strukturen (den erotisch-sexuellen, den genealogischen, den ethnischen und den die Gattung betreffenden Bereich eingenommen) in der gemeinhin als ,gnostischʻ bezeichneten Literatur der Spätantike. Leitend ist die Gesamthypothese, nach welcher die Figuren der Erkenntnis (γνῶσις) und der Gattung (γένος) einander in der ,gnostischenʻ Mythopoesie sowohl wechselseitig konstituieren als auch aufheben. Während unter dem ersten Aspekt die ,gnostischenʻ Vorstellungen glückender Anthropogenese zum Tragen kommen, sind es nach der anderen Seite die zahlreichen Fälle monströser Zeugungen, die vom erwähnten Wechselsverhältnis her zu beleuchten sind. In die Analyse miteinbezogen werden die motivgeschichtlichen, mythologischen, philosophischen und zoologischen Faktoren der bisweilen koinzidentiellen Nähe von Gnoseologie und Genealogie in der ,Gnosisʻ, deren Auswirkungen auf das Selbstverständnis der ,Gnostikerʻ und das Verhältnis von Form Inhalt ihrer Mythopoesie.
Unter der reichen Forschungsliteratur zur ,Gnosisʻ ist verschiedene Aspekte der Geschlechtlichkeit verschiedentlich, wenn auch keineswegs erschöpfend behandelt worden. Bereits die philologisch oder motivgeschichtlich orientierte Forschung kommt nicht umhin, sich mit dem reichen sexuellen und genealogischen imaginaire der betreffenden Quellen auseinanderzusetzen — nicht nur, aber insbesondere dort, wo die ,gnostischeʻ Rezeption der biblischen Genesis im Fokus steht. Gezielter ist das Thema (bei teils feministisch motivierten Fragestellungen) unter der Herausgeberschaft von Karen L. King, Elaine Pagels und Ingvild Sælid Gilhus, in jüngerer Zeit auch durch den gender-theoretischen Ansatz Jonathan Cahana-Blums angegangen worden. Allerdings liegt bislang keine Studie vor, die das Geschlechtliche im Sinne des gesamten oben erwähnten Bedeutungsspektrums auf seine Funktionen, seinen Stellenwert und seinen Zusammenhang mit geistigen bzw. gnoseologischen Strukturen anhand der Quellen zur ,Gnosisʻ untersucht. Die geplante Arbeit sucht, dieses Desiderat zu schließen, indem die ‚Gnosis‘ als Forschungsgegenstand zugleich wieder theoretischen bzw. philosophischen Reflexionen geöffnet werden soll.
Betreuung: Prof. Dr. phil. Luca Di Blasi, Prof. Dr. Dylan M. Burns